Legacy BoFü

Quartalsweise:

Sperrgutabfuhr


Emil Paschulke hatte einen miesen Tag hinter sich, als er sich spät nachmittags mit seinem klapprigen Opel Blitzkrieg („GM 50th anniversary special model“) im trägen Berufsverkehr treibend seiner Wohnstraße näherte. Sein letzter Arbeitsplatz war die große Wanderbaustelle auf der Reichsautobahn 40 quer durch Ruhrstadt gewesen, denn Emil Paschulke fuhr das augenblickliche Königsmodel der Straßenwalzen aus der Schmiede HMB (Herrenmensch Maschinenbau): Die SW-17 „Mammut“. Das war ein Koloß mit drei Walzen, von denen jede 11 Tonnen wog und die von zwei unabhängigen Dieselaggregaten mit jeweils 1500 Pferdestärken bewegt wurden. Dieses Ding war angeblich perfekt geeignet um auch größere frische Massengräber ihrer Umgebung anzugleichen.

Für Emil Paschulke war morgens um halb Zehn in Deutschland noch in Ordnung. Der Stau der Berufspendler auf der nur noch einspurigen Autobahn an seiner Baustelle begann sich langsam aufzulösen. Von den Wutausbrüchen der zahllos wiederholt zu spät zur Arbeit erscheinenden Pendler hatte er oben auf seiner „Mammut“ nur die aus den Seitenfenstern rausgestreckten Mittelfinger mitbekommen. Perfekt wurde es, als er seinen Zigarettenstummel exakt durch ein Sonnendach in einen BMW schnippen konnte. Der Wagen blieb dann 500 Meter weiter qualmend in einer Nothaltebucht stehen und brannte völlig aus. Sein Besitzer kam handyfuchtelnd in seinem Nadelstreifenanzug nach Regress schreiend über die Baustelle auf ihn zugehüpft und machte zum ersten mal in seinem Leben Bekanntschaft mit flüssigem Teer. Sie puhlten ihn bröckchenweise mit Brechstangen wieder aus dem bereits abkühlenden Asphalt heraus und die „Mammut“ bekam die jungfräuliche Fahrbahn danach wieder schön glatt. (Leicheneinschlüsse im Belag führen bei Frost nachweislich zu Rissen und das Territorium brauchte bis zum Winter wieder eine leistungsfähige West-Ost-Achse.) Danach hatte sich Emil Paschulke das erste Bier des noch jungen Tages gegönnt.

Verschärfte Arbeitsbedingungen
Die Katastrophe nahm zwei Stunden später ihren Anfang mit einer achtlos aus einem holländischen LKW heraus geworfenen Flasche „Hohes H“, die Emil Paschulke an der Schläfe traf und ihn in das Reich der Träume schickte. Die Straßenwalze fuhr vom Zustand des Fahrzeugführers unbeindruckt weiter geradeaus mit einem ganz leichten Drall in Richtung des Fahrbahnstreifens. Seine Kollegen haben später bei den Vernehmungen durch RAPTOR (Reichsautobahn Polizei - Territoriale Organisation gegen Revolten) ausgesagt, dass sie Emil Paschulkes lose über die Steuerhebel der „Mammut“ liegende Gestalt nicht als Anzeichen für eine drohende Gefahr gewertet hätten. Schließlich wäre es ja nichts besonderes gewesen, wenn Emil sich mal die Schnürsenkel neu gebunden oder schlicht nach dem sechsten Bier übergeben hätte. Erst als die „Mammut“ die Baustelle verlassen hatte und Emil Paschulke nach dem Kontakt mit dem ersten PKW aus dem Führerhaus geschleudert wurde, hätten sie mal nachsehen wollen. Dafür war es dann aber leider zu spät, da sich die „Mammut“ bereits mit ihren drei Walzen ungebremst den Weg in den Essener Tunnel bahnte. Dabei touchierte sie ein paar Pfeiler, so dass der Eingang sofort durch herab fallende tonnenschwere Betonbrocken blockiert wurde.
Auf heißen Kohlen
Die dabei entstehende Staubwolke wurde von nachfolgenden Sportfahrern fälschlicherweise für Nebel gehalten, so dass diese sich darüber freuten ihre komplette Leuchtanlage einschalten zu können. Hunderte fuhren vor dem verschlossenen Tunnel auf- und untereinander. Fetter öliger Qualm mischte sich mit dem Staub. Überall flogen Metall- und Leichenteile und klatschten mit beängstigendem Prasseln an die Lärmschutzmauern. Ein Geräusch, das die Kollegen Emil Paschulkes niemals vergessen werden. Aus den brennenden Autowracks tönten die Schreie der Sterbenden, deren letzter Blick starr auf das große Schild gerichtet war:

Hier verbessert das Territorium Ihren Fahrkomfort!

Das erste, was Emil Paschulke nach dem Aufwachen sah, war das zusammenbrechende Hochhaus der Ruhrkohle AG, dessen Fundamente sich zu nah am brennenden Tunnel befunden hatten. Weitere Gebäude folgten. Die Essener Innenstadt bebte. Hauptsturmkommissar Rudolph Häßlich hielt ihm zornbebend die leere Flasche „Hohes H“ vor das Gesicht: „Wo haben sie das her?“

Ihre Verbindung wurde getrennt.

Auf der Suche nach einem geeigneten Parkplatz war Emil Paschulke klar, dass er es nur den jüngsten kreativen Gesetzesauslegungen der BoFü (Radikales Gewaltregime des Territoriums) zu verdanken hatte noch auf freiem Fuß zu sein. Die Gefängnisse waren derart voll, dass sie angefangen hatten die Dissidenten an Straßenlaternen zu ketten. Für Emil Paschulke blieb da nur noch ein Knopf im Ohr mit Peilsender und 15 Gramm C4++ („stay tuned“). Da das Ding das Mobilfunknetz für regelmäßige SMS Sendungen Emil Paschulkes augenblicklichen Aufenthaltsortes betreffend nutzte, mußte Paschulke auch noch eine Pre-Paid-Card bei Despot+ erwerben. Dabei wurde ihm von einem B-HUHN (BoFü-HauptUeberHauptNichts) grinsend mitgeteilt, dass es eine sehr kurzsichtige Entscheidung sein könnte, nur die billigste Variante für 29 Territoriale Kredits zu wählen. Wenn eine SMS nicht raus ging, egal ob wegen überlastetem Netz oder abgelaufenem Guthaben, dann ging er dafür hoch. So einfach war das. Nun war Emil Paschulke unglücklicher Besitzer einer Despot+ Premium Card für 99 Territoriale Kredits und Rabattscheinen für drei heroische Klingeltöne seiner Wahl.

Da wieder einmal kein Parkplatz frei war, setzte Emil seinen Opel Blitzkrieg zwischen zwei alten Stühlen, die mit einem improvisierten Absperrband verbunden waren. Oberstudienrat Hussmann hatte schon den ganzen Nachmittag bei kontinuierlichem Tee-Nachschub von seinem Küchenfenster aus über den von ihm gesperrten Parkplatz gewacht und sah nun seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Dieser Prolet hatte sich doch tatsächlich über seine Absperrmaßnahme hinweg gesetzt und seinen Schrotthaufen dort abgesetzt, wo er nach dem Einbruch der Dämmerung gedachte im Schutze der Dunkelheit seinen Sperrmüll zu stapeln: „Da ist Parkverbot!“

Für Emil Paschulke war der Tag damit gelaufen: „Geh mir nicht auf den Sack!“
„Wie reden sie da eigentlich mit mir? Schaffen sie ihren PKW da weg!“
„Ich habe gesagt: Geh mir nicht auf den Sack!“

Paschulke versuchte nach seinen Maßstäben wirklich ruhig zu bleiben, aber dann kam der letzte pampige Kommentar von Hussmann, bevor dieser vom Küchenfenster verschwand: „Ich werde das gleich dokumentieren, und dann bekommen sie mächtig Ärger, Freundchen.“

Als Hussmann mit seiner 0,0768 Megapixel Digitalkamera „Volksspion“ vom Kombinat „Klare Linse Stalingrad“ aus der Haustüre geschossen kam, hatte Paschulke den korrekten Sitz seiner schweren Schutzstiefel aus Nashornleder mit Stahlkappe bereits penibel geprüft. Der Oberstudienrat legte seine Kamera an und winkte Paschulke unwirsch zu: „Sie stehen meiner Beweisaufnahme im Weg, aber das wird ihnen nicht mehr helfen.“

Paschulke nahm lächelnd Maß und trat gegen den Küchenstuhl. Dieser rutschte mit scharrender Wucht auf Hussman zu und die massive Holzlehne fräßte sich präzise in dessen Leistengegend. Der Schmerz durchfuhr Hussmanns Nervengefilde wie ein abgebremster Blitz. Wimmernd und zeugungsunfähig ging er zu Boden. Zum Abschied zertrat Paschulke die Kamera samt der sie umschließenden Hand des Oberstudienrates, die beide mit einem trockenen Knacken ihre Funktionen auf Null reduzierten: „Zum Wichsen brauchst du sie sowieso nicht mehr.“

Paschulkes Knopf im Ohr versandte automatisch eine Multimedia Message mit dem verkrümmten Hussmann als Motiv und sicherte Paschulke damit eine Anwartschaft auf einen exklusiven Schauprozess im Boxgerichtshof.

Da seine Haustür nur einige Meter entfernt war, erreichte Paschulke sie ohne weitere Zwischenfälle. Im Flur fiel ihm beim Anblick der Propaganda-Plakatierung siedend heiß auf, dass er etwas vergessen hatte:

Bürger!
Haltet das Territorium sauber!

Im Rahmen der vierteljährlichen Säuberungsaktion verfügt die Leitung der Mark Ruhrstadt für den Bezirk Essen eine Mindestabgabe von 20 Kilogramm Sperrgut pro Einwohner im erwerbsfähigem Alter. Für Frauen und Kinder gilt der Aufschlagsdivisor von 0,7. Beachten Sie, dass ein Unterlaufen der festgesetzten Menge Zwangseinzug durch unsere Sperrgutbeauftragten am Tag der Abfuhr nach sich ziehen wird. Ihre Marken erhalten Sie bei dem für ihr Gebäude zuständigen Blockwart. Seid High!

Das Territorium entsorgt
(für) Sie. Endgültig...
„Na Paschulke, da sind wir aber spät dran heute, eh?“ Friedrich Stammheim, Blockwart der Hanns-Martin-Schleyer Straße, war den meisten Mitgliedern der französischen Résistance eher als der „Metro-Schlächter“ bekannt. Dieser Spitznahme hatte aber an Bekanntheitsgrad bis zu Friedrich Stammheims Ruhestand stark eingebüßt, da die meisten Wissensträger zur Verfüllung der Katakomben von Paris genutzt worden waren. Diese bauliche Maßnahme hatte sich als notwendig erwiesen um sicher zu stellen, dass die neuen Territorialen Prachtbauten, welche die allzu verspielte französische Architektur ersetzen sollten, nicht wieder durch den Untergrund verschwinden würden.

Bevor Paschulke reagieren konnte, hatte ihm der Blockwart seinen Satz Sperrgutmarken in die Hand gedrückt: „Quittieren brauchen Sie auch nicht mehr.“
„Wieso nicht? Ist das ein neuer Trick?“, Paschulke traute seinem Blockwart nicht weiter als er seine Mammut werfen konnte.
„Nein, da sind RFID Bausteine drin, das Allerneueste von der IG-Techno.“ Friedrich Stammheim griff nach seinem BlockBerry, dem mobilen Erfasser für den modernen Blockwart im Territorium. Mit dem Stift in Form eines ausgestrecktem Zeigefingers von „Der-Da“-Design tippte er auf den Bildschirm: „Schon bestätigt. Übrigens, RFID steht für Rasterfahndungs Integrations Detektor. Damit kommen sie nicht mehr durch das Überkleben fremder Marken davon, Paschulke!“
„Ich habe keine Ahnung wovon sie da reden!“ Das stimmte zumindestens im Bezug auf die RFID Technologie.
„Versuchen sie nicht mich zu verarschen. Sie haben bei der letzten Abfuhr niemals eine Küchenmaschine auf die Straße gestellt! Ich habe noch nie gesehen, dass sie etwas anderes als dieses ostische Zeug von Da-Desaster-Döner fressen!“
„Pass du mal lieber auf, was du da sagst!“
Was übrig blieb

Aber Friedrich Stammheim ließ sich nicht beirren: „Als die arme Frau Meierring im ersten Stock kein Sperrgut vorweisen konnte, haben sie ihre Strafquote auf 160 Kilogramm gesetzt und ihre Wohnung leer geräumt. Sogar die Holzeisenbahn ihrer Kinder.“
„Das war persönliches Pech. Du wolltest doch sowieso immer ihre Muschi, du hast sie doch sicher getröstet...“
„Arschloch!“ Als dem Blockwart dieses Wort aus der Kehle kroch, zitterte er bereits. „Ich weiß, dass du das nicht kapierst. Die Müllwagen haben Lesegeräte für diese RFID Marken. Und wenn du wieder bescheißt, dann kriegen wir dich. Und dann hast du schöne Ferien!“

Er sah zu dem Propaganda-Plakat, das er gerade an die Flurwand geklebt hatte. Ehe sich Paschulke versah, hatte ihn Stammheim im Schwitzkasten, so dass er es sich genau betrachten konnte. Er sah einen wild um sich schießenden B-HUHN, der sich in halber Ledermontur mit Stahlhelm auf dem Schädel mit einem schwarzen Surfbrett eine formvollendete arische Welle reitend einen weiteren Strand spritzig von fettleibigen alliierten Touristen befreite:

Die Territoriale Wunderwaffe braucht dich!

Während Paschulke fast erstickte, hörte er in weiter Ferne die keuchende Stimme seines Blockwarts: „Wir haben Paris aufgeräumt. Wir werden hier aufräumen, verlass dich drauf, Freundchen. Und jetzt geh, deinen Dreck aufsammeln!“

In seiner Wohnung nahm Paschulke nach diesem Schock erstmal einen kräftigen Schluck aus einer Pulle „Brutal-Bier“. Seine ehemalige Lieblingsmarke war nach einer Razzia durch die BoFü wegen Verstoßes gegen das Reinheitsgebot und Vergärung der Verantwortlichen vom Markt verschwunden. Wenn Stammheim das nächste mal an der Kellertreppe stehen würde, dann bekäme er erst mal einen Schubs in die richtige Richtung. Bei diesem erfreulichen Gedanken fiel Paschulke auf, dass der Blockwart eigentlich nie direkt neben Löchern in Böden und Wänden stand.

Einkaufsbummel im Territorium
Die RFID-Sperrgutmarken erinnerten Emil Paschulke an sein vordringlichstes Problem, den Fehlbestand von 20 Kilogramm Sperrmüll. Wenn die nicht bald zur Abholung auf der Straße stehen würden, dann würde ein Trupp bewaffneter Müllmänner seine billige Einrichtung zur Entsorgung einfordern. Er erinnerte sich flüchtig an einen Arbeitskollegen, der immer zu hoch gestochen getan hatte und irgendetwas von „Ankurbelung der Binnenmarktkonjunktur durch Zwangssperrgut“ faselte. Der Mann war eines Tages nicht mehr auf der Baustelle erschienen. Er war vom ZYN!-Tower gesprungen. Wie ein gewisser Dr. Snorr in KP1 (Kulthaftes Programm Nr. 1) grinsend mitteilte, war das wohl eine ziemlich nasse Angelegenheit geworden, denn über dem drunter liegenden Platz war ein Vogelnetz aus bestem Titanstahl gespannt worden. Dieses diente zum Schutz vor Fremdzugvögeln, die mit dem Vogelgrippevirus H13N6 (Grippe „Chop Suey“), das grosse Teile Asiens entvölkert hatte, infiziert waren und die FALK-Barrieren an der Grenze der Territoriums überwunden hatten. Die Passage durch das straff gespannte Netz hatte den Körper völlig zerrissen und über die einkaufenden Massen verspritzt. Angesichts dieser Bilder entschloss Paschulke sich von seinem alten Fernseher zu trennen. Ein modernes Gerät mit Flachbildschirm wäre dem „Spiderman“-Event sicher gerechter geworden.

Als er sein Röhrengerät ein paar Minuten und eine aus der Wand gerissene Antennenbuchse später auf die Personenwaage im Badezimmer gewuchtet hatte, kam der nächste Rückschlag: Das Ding wog ein bißchen zu wenig. Paschulkes Kehle entrann ein leises Wimmern. Nur ein paar hundert Gramm trennten ihn von der Erlösung. Er mußte die Flimmerkiste doch irgendwie schwerer kriegen! Glücklicherweise entsann sich Paschulke seines Wousch-Hammers mit Sägekranzaufsatz Marke „Fluchttunnel“. Mit diesem Profi-Bohrgerät gelang ihm ein kreisrundes Loch oben auf dem Plastikgehäuse des Fernsehers. Ein Gluckern in seinen Gedärmen, das wahrscheinlich durch die ganze Aufregung ausgelöst worden war, gab Paschulke die endgültige Eingebung.

„Scheiß auf das Territorium!“ dachte er, als sich sein nackter haariger Arsch auf dem Fernseher senkte um passgenau mit dem Anus das Loch abzudecken. Nach einem anfänglichem Kribbeln entspannte sich Paschulke und ließ es kommen. Mäßig verdaute Reste einer fetten Currywurst plätscherten dünn unter gleichmäßigem Grunzen in das Innere des Gerätes. Dort wartete ein mäßig entladener Hochspannungstransformator und gab durch einen 20000 Volt Stromschlag einen weiteren schlagenden Beweis ab, dass zu salzhaltige Nahrung unter bestimmten Umständen gesundheitsgefährdend war. Der Blitz schoss braune Kacke verdampfend in Paschulkes Dickdarm und verkürzte den funktionalen Teil um zwei Meter. Paschulke kippte langsam mit glasigen Augen und rauchender Arschfalte in seine Badewanne, während aus dem Loch im Fernseher kleine Funken sprühten.

Collect'em all!
Der knallorange Sperrgutsammler des „Schwarzen Punktes“ schob sich auf seinen klirrenden Ketten über die Straße. Seine Halogen-Heiß-Leuchten vertrieben zischend die Nacht und lichtscheues Gesindel. Was nicht grell angestrahlt wurde flackerte im Wiederschein der gelben Singalleuchten. An den Steuerhebeln saß Manfred Propper, Inhaber des Gefahrguttransportscheines zweiter Klasse bis 10000 Tonnen abgestorbenen biologischen Materials. Dieser Wert bezog sich selbstverständlich auf Schadinsekten wie der territoriale Botschafter Baron Hartmut von Blutdurst in Washington nie müde wurde zu erklären. Auf den Fenstern der Fahrerkabine wurden die durch die RFID Chips vollautomatisch erfaßten Wertstofflager am Straßenrand samt persönlicher Daten und Vorstrafenregister ihrer Besitzer grünlich schimmernd markiert. Propper löste griff mit dem dröhnenden Baggerarm danach und beförderte das Zeugs in die hydraulische Presse, die es knirschend auf fünf Prozent verlustbehaftet komprimierte. Dann ging heuldend der gelbe Alarm los. Es gab einen Fehlbestand von 12 Kilogramm Sperrgut. Dieser ging auf das Konto der Familie Trost, untergepfercht im Hanns-Martin-Schleyer Straße 8. Die Echtzeitverbindung zur zentralen Müllverwertung denunzierte, dass dieser Vorfall nicht der erste seiner Art war. Manfred Propper entschloss sich dazu ein Exempel statuieren zu lasen.

Die von Propper herbei zitierte mobile Kampfgruppe vom Schwarzen Punkt stürmte in ihren Schutzanzügen die Treppe zur Wohnung der Sperrgutstraftäter hinauf. Die ersten zwei sicherten links und rechts die Wohnungstür und hielten ihre Blaster von Dust-InDustries schussbereit. Der dritte war der „Gasmann“. Er ging noch im Lauf runter in die Hocke und glitt auf seinen schwarzen Lederstiefeln zur Tür. Dann griff er nach der Harpune zwischen den beiden Druckgasflaschen auf seinem Rücken und schoss die Nadel durch die Wohnungstür. Der angeschlossene Schlauch rollte sirrend ein paar Meter ab.

Frauke Trost war gerade mit 12 Kilogramm kaputten Metallautos , die ihr Sohn Malte wieder aus dem Müll geklaubt hatte, auf dem Weg zur Wohnungstür, als ihre Katze fürchterlich kreischend mit einem Schlauch als Schweif an ihren Füssen vorbei schoß. Mit dem zitternden Ton einer springenden Bass-Saite blieb die Nadel im Gardarobenschrank stecken. Die Katze war dadurch fixiert und kratzte jaulend mit allen vieren um sich und ruinierte dabei mit Blut und Krallen das Eichenfunier.

Frauke schlug entsetzt die Hände vor dem Mund zusammen. Dass dabei der runter fallende Sack mit den Metallautos ihren großen Zeh brach, bemerkte sie nicht. Hinter der Wohnungstür öffnete der Gasmann das Ventil. Von dem Lärm angelockt erschien ihr verheulter Sohn Malte gerade noch rechtzeitig um mit zu erleben, wie sich die jaulende Familienkatze immer weiter aufplusterte und schließlich platzend den Geist aufgab. Mit dem Katzenfell vor dem Gesicht rammte Maltes Schädel beim Weglaufen knackend mehrere Wände, während sich seine Frau Mama standrechtlich übergab.

Messie Massaker
Die mobile Kampftruppe trat zur Seite und der Gasmann zündete elektronisch das Gemisch, das er durch die Katze in die Wohnung eingeleitet hatte. Mit einem lauten Knall platzte die Fassade des kompletten zweiten Geschosses weg und die gesamte Habe der Familie Trost flatterte zwischen Mörtelbrocken und Glassplittern auf die Hanns-Martin-Schleyer Straße. Beim Aufbaggern des neuen Sperrgutes bemerkte Manfred Propper mit einem Lächeln wie der angekohlte Malte qualmend mit dem Katzenfell vor dem Gesicht über die Abbuchkante hinaus taumelte und bäuchlings mit der Fresse im Asphalt auf der Strasse liegen blieb. Die mobile Kampfgruppe eilte im Stechschritt zu ihrem nächsten glorreichen Einsatz.

Die Gasexplosion im Nachbarhaus weckte Emil Paschulke wieder auf. Noch leicht benommen krabbelte er mit feuchtem Arsch zu einem Fenster und zog sich hoch. Über der knapp beleuchteten Strasse lag eine fade Staubwolke. Aus ihrem Inneren griff das grelle Licht der Suchscheinwerfer des ersten Sperrgutsammlers nach Paschulkes Netzhaut. Auf ihren Raupenketten schälte sich die orange Stahlmasse mit dem Schwarzen Punkt Emblem aus dem Nebel und zermalmte dabei die letzten Betontrümmer, die in ihrem Weg lagen. Der hydraulische Baggerarm kreiste unablässig im Tanz mit den gelben Signalleuchten und stieß schnappend nach dem links und rechts abgelegten Sperrmüll um diesen mit seinen Stahlzähnen zu greifen und in die Presse zu befördern. Die Sperrgutsammler näherten sich. Es wurde Zeit.

Mit einem grunzenden Stöhnen wuchtete Paschulke seinen vollgeschissenen Fernseher hoch. Dass ihm dabei die Scheiße aus dem blutigen Darmende tröpfelte, bemerkte er nicht. Danach wankte Paschulke zur Wohnungstür, die natürlich geschlossen war. Sein Versuch diese ohne Absetzen des Fernsehers zu öffnen brachte zwar den gewünschten Erfolg, allerdings auch drei zwischen dem Fernsehkasten und der ruckartig nachgebenden Klinke gebrochene Finger. Er trat die Tür splitternd beiseite und stürmte vor Wut und Schmerz gröhlend die Treppe im Hausflur runter.

Draußen auf der Strasse stellte Paschulke mit einem tief befriedigten Grunzen den Fernseher ab und schrie dem näher kommenden Sperrgutsammler mit geballten Fäusten seinen Triumpf entgegen: „Da hast du es! 20 Kilogramm! Alles für dich! Komm und hols dir!“

„Hast du Elektrogerät?“

„Hä?!“ Paschulke drehte sich mit blutunterlaufenen Augen zu der Quelle dieser Stimme um und sah auf eine häßliche Vettel in einem völlig dearrangiertem Blümchenkleid mit Kopftuch. Sabbernd mit einem weiteren leichtem Abgang durch die bereits versaute Hose schrie er sie an: „Verpiss dich du blöde Sau!“

„Ah, Fernseher. Ich warte hier auf Mann für Abholen.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf das Gerät und bedeckte es fast vollständig. Paschulke wollte sich geifernd auf sie stürzen, realisierte aber rechtzeitig, dass ihn das in die Reichweite des inzwischen nahe herangekommenen Sperrgutsammlers gebracht hätte. Das grelle Licht der Halogen-Heizleuchten tat sein übriges. Er murmelte „Hier Schlampe, die gehören dazu“ und patschte die RFID-Marken auf ihre Arschbacken. Dann wurde er in grelles Licht getaucht und wich langsam vor den knirschenden Ketten zurück.

Im Inneren des Sperrgutsammlers meldete die autonome Müllüberwachung von Subversive Software auf dem Steuerbordmonitor fröhlich piepend eine häßliche Drei-Loch-Gummipuppe. Manfred Propper bestätigte der Maschine die unverzügliche Verwertung. Als er noch kontrollierte ob der Bagger richtig griff, schmunzelte er über die sexuellen Vorlieben mancher Volksgenossen. Er selbst bevorzugte Deutschen Schweinerollbraten, den er selbst zu füllen und dann gemeinsam mit seiner Familie zu verspeisen pflegte.

Komm, hol's dir!
Friedrich Stammheim traute seinen Augen nicht, als diese wild schreiende und zappelnde Frau von der Baggerkralle an seinem Küchenfenster vorbei nach oben gezogen wurde. Der Kopf war zwischen den Zähnen. Der Rest taumelte im Schwung hin und her. Natürlich ahnte der Blockwart, dass Paschulke irgend etwas damit zu tun hatte. Er zog seine Walther PPK, stieß das Fenster auf und sprang federnd auf die Straße. Sekunden später hatte er den Schmerz weg gesteckt und stand dar breitbeinig auf Emil Paschulke feuernd: „Jetzt hast du es zu weit getrieben! Das wars! Schluss, Aus, Ende!“

Inzwischen hatte der Bagger seine Fracht in der hydraulischen Müllpresse abgeladen, die schädelknackend ihr Werk verrichtete. Das ersterbende Kreischen zwischen den schiebenden Stahlwänden war durch Stammheims Schüsse auf den fliehenden Paschulke kaum noch wahrnehmbar. Schließlich beendete ein quer durch den Herzmuskel in das Gehirn geschobener Oberschenkelknochen das Geschrei und verging mit dem Sprachzentrum zu Brei.

Stammheim mußte feststellen, dass es einen Unterschied machte bewegliche flüchtende Ziele zu treffen oder fürsorglich fest geschnallten Delinquenten die Eier weg zu schießen. Das verschaffte Paschulke die dringenst benötigten Sekunden um in seinen Opel Blitzkrieg zu gelangen und mit quietschenden Reifen seine Flucht weiter zu beschleunigen und dabei den Fahrersitz voll zu scheißen.

Diesen herben Rückschlag innerlich aufarbeitend sah Friedrich Stammheim dem Opel Blitzkrieg hinterher, als ihm eine salzige Flüssigkeit auf die Nase tropfte. Er sah überrascht nach oben und blickte direkt in die geöffnete Baggerklaue des Sperrgutsammlers, der sich ihm inzwischen bis auf wenige Meter genähert hatte. Das Ding erinnerte Stammheim an das aufgerissene Maul des Reichsraptors. Die Erleuchtung überkam ihn wie rausrutschende Eingeweide nach einem ungeschickten Schnitt. Mit einer geübten beiläufigen Handbewegung wischte er sich das Blut der Vettel aus dem Gesicht und fischte nach seinem Ausweis.

Manfred Propper hätte seinen Urinstinkten vertrauen sollen anstatt diesen geifernden Irren mit dem TESA (Territoriale Sicherheits-Agentur) Ausweis in seinen Sperrgutsammler zu lassen. Aber es war zu spät. Friedrich Stammheim beugte sich mit glitzernden stahlblauen Augen über ihn und schrie: „Verfolgen sie dieses Fahrzeug!“
„Haben sie heute morgen ihre Pillen nicht genommen? Das Ding hier fährt keine 50 Sachen, Meister!“
Eingegraben
Aber Stammheim grinste wie ein Wolf: „Sie haben wirklich keine Ahnung, was?“ Das biometrische System des Sperrgutsammlers hatte Friedrich Stammheim schon längst anhand der Moleküle in seinen Ausdünstungen nach kurzer Bestätigung durch „Massaker-Link“ identifiziert und ihm automatisch als Ranghöheren die Kontrolle übertragen. Mittels der schnell eingetippten Zeichenkette „Barbarossa21“ aktivierte er unter dem ungläubigen Blick Proppers bisher verborgene Ressourcen der Maschine: „Glaubten sie wirklich, das Territorium hätte 30.000 Säbelzähne wegen des Helsinki-Abkommens verschrottet? Die werden doch noch gebraucht...“

Die Stahlkabine geriet in ein sonores Vibrieren, als die fünf weiteren Wasserstoffturbinen anliefen. Eine Fehlermeldung irritierte Stammheim nur leicht: „Das Geschütz ist leider noch im Eifelbunker. Aber das macht nichts.“ Er streichelte zärtlich seine Walther PPK. Die Ketten des modifizierten Sperrgutsammlers gruben sich durch den Asphalt und die Maschine beschleunigte sportlich auf 100 km/h. Paschulkes fliehender Opel Blitzkrieg tauchte wieder im Spürhundvisier auf und wurde von Stammheim eingerastet. Sie näherten sich unaufhaltsam.

Durch den Rückspiegel blendeten Paschulke gleißende Halogen-Heiß-Leuchten. Er ahnte, daß es sich diesmal nicht um nachtblinde Idioten mit Fernlicht handelte und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Dabei war ihm eine Drei-Zentner-Gestalt mit halbkugelförmigen blauen Plaste-Helm auf einem völlig überlasteten Mofa mitten auf der Straße im Weg. Paschulke beschleunigte den Rentner durch einen unsanften Stoß von 15 auf 115 km/h. Der Mann ging ab wie eine Billardkugel und landete mit seiner wild knatternden Maschine in einer Gruppe überflüssiger Jugendlicher, die gerade für ihr neuestes Happy Slapping Event einem sechsjährigen Blondschopf mit Hilfe ihrer Stiefel vor laufender Handy-Cam zu einer ungewöhnlichen Kopfform verhalfen.
Live Webcast
Das Mofa fegte sie von ihrem Opfer weg eine finstere Kellertreppe hinunter, wobei sie einem schlampig aufgebautem Malergerüst zur Renovierung einer kaiserlichen Fassade das Fundament entzogen. Der Rentner betätigte dumpf schnaufend von mit gebrochenem Rückgrat weiter den Gasgriff, wodurch sich das Hinterrad langsam durch das Gesicht zum Gehirn des Anführers der ehemaligen Schaustellertruppe fräste. Das Gerüst sackte über ihnen krachend zusammen und entließ literweise Farblöser auf Terpentinbasis auf die eingeklemmten Halbstarken, was bei den meisten eher einer Überdosis entsprach. Zwischen den schweren Trümmern verbrannten die heißen Abgase des Mofas einem weiteren schreiendem Subjekt den Anus und alles andere einen halben Meter weiter in ihm drinnen. Dann entzündete sich das tropfende Terpentin und die Handy-Cam übertrug ihre letzten qualvollen Minuten illuminiert in grünen und cyanidfarbenen Flämmchen in das Internet, bevor alles zu drei Kubikmetern Sondermüll verschmolz.

Der kleine Blondschopf hatte das alles mit großen strahlend blauen Augen mitangesehen. Mit schier unglaublicher Willensanstrengung arbeitete er sich zu dem Scheiterhaufen vor, öffnete seine Latzhose mit den roten Herzchen-Knieschonern und pinkelte eine fröhliche Kinderweise pfeiffend in die Flammen. Jahrzehnte später zeichnete er sich als Kommandant im U-Boot-Krieg um die Antarktis durch seine besondere Heimtücke und Grausamkeit aus. An der spontanen Vereisung des chinesisch besetzten Australiens sollte sein späterer Hang zu nuklearen Erstschlägen einen entscheidenden Beitrag leisten.

Inzwischen hatte sich Stammheim auf den Kettenschutz des die Straße hinunter rasenden Sperrgutsammlers gestellt und hatte seine liebe Not an der offenen Tür vorbei auf Paschulkes Fahrzeug zu ballern. Dabei verirrte sich eine Kugel in eine Gasflasche, die einen Balkongrill versorgte. Die Explosion zeriss die ehemals über Papas Beförderung glückliche Familie. Fassadenbrocken, verkohlte Leichenteile und marinierte Nackensteaks regneten die Straße herab. „Grillen mit offenem Feuer auf dem Balkon ist aus gutem Grund verboten!“ schrie Stammheim wirr den durch Trümmerregen flüchtenden Passanten hinterher. Dann kam ein lauter Knall und ein Ruck ging durch den Sperrgutsammler, so dass Stammheim gegen die schwingende Tür knallte und sich nur mit Mühe und Not an einem Griff festhalten konnte, bevor vom Kettenschutz geschleudert wurde und mit der Tür hin und her schwang. Mit der anderen Hand sein Walther PPK umklammernd starrte er auf die wirbelnden Ketten um die stählernen rotierenden Führungsräder, die kurzen Prozess mit ihm machen würden.

Propper hatte nämlich keine Erfahrung mit 42 Tonnen schweren Sperrgutsammlern, die plötzlich jede Ampel-Rallye quasi von hinten aufrollen konnten. Er hatte im Geschwindigkeitsrausch einen Tanklaster weg gerammt und damit durch den resultierenden Rückstoß Stammheim in seine arge Bedrängnis gebracht. Der Tanklaster an sich wirbelte funkensprühend über den Asphalt und zerplatzte an der Front einer Mass-Trans Station. Sein Inhalt bestand aus Flüssigstickstoff, der für eine geheime Untergrundorganisation bestimmt war. Diese hatte sich dem passiven Widerstand gegen das territoriale Gewaltregime verschrieben. Ihre Mitglieder ließen sich nach und nach einfrieren um bis zur Zeit zu überdauern, als das Territorium vernichtet sein würde und Frieden und Freiheit nach Europa zurückgekehrt wären. Leider waren sie zu diesem Zeitpunkt bereits von Agenten der BoFü unterwandert und ihre sorgfältig konservierten Körper wurden in dünne Scheibchen geschnitten als „garantiert schweinefleischfreier Lachsersatz“ nach Saudi-Arabien verramscht.

Bratröhre
Während der unglückliche Fahrer des Tanklasters qualvoll in seinem Erbrochenen durch den aufgeblasenen Airbag erstickt wurde, spülte der Flüssigstickstoff über die Rolltreppen der Mass-Trans Station wie ein munterer Gebirgsbach im Frühling hinunter zu den Bahnsteigen. Die auf den Zug wartende Meute aus sinnlos betrunkenen Teenies hatte keine Chance. Die meisten wurden von der Welle in Richtung Gleise gespült. Instinktiv hielten sie dabei ihre Köpfe hoch und erlebten so ernüchtert bei vollem Bewußtsein, wie ihre Körper von der Welle über den rauhen Boden geschoben wurden und dabei immer mehr Teile von ihnen abbrachen, bis nur noch der Kopf übrig war und beiseite rollte. Ein herein rasender Mass-Trans verspritzte die Reste bis auf den gegenüber liegenden Bahnsteig, auf dem weitere Fahrgäste das Geschehen ungläubig begafft hatten. Als die Scheibenwischer endlich den roten Schlamm dünn genug geschmiert hatten, hatte der Lokführer fälschlicherweise den Eindruck es dort mit einer Horde blutverschmierter Zombies zu tun zu haben und meldete hastig einen heimtückischen Angriff durch biologische Waffen. Massive Stahlschleusen riegelten automatisch den ganzen Komplex ab und versiegelten ihn. Teilzeitkräfte in den schwarzen Asbest-Uniformen des BAEH (Bundesamt Entseuchung und Hirnmasse) marschierten mit voll verspiegeltem Atemschutz und Napalm-Flammenwerfern herein und brachten den Mass-Trans zum Glühen. Der Lokführer nahm sein Ableben im Rahmen der Territorialen Hygienevorschriften mit stoischer Gelassenheit hin, was allerdings nicht für seine undiszplinierten Fahrgäste galt. Das Schmerzgeschrei der bunten Mischung aus Fußballfans und sexuell unbefriedigten Singles auf der Suche nach einem Nachtfick hallte durch die Tunnel.

BGCC
Im BGCC (BoFü Ground Control Center) liefen die elektronischen Meldungen aus Paschulkes Knopf im Ohr, aus dem Sperrgutsammler und aus der Verkehrsüberwachung der brennenden Mass-Trans Station zusammen. Ein schlampig trainiertes neuronales Netz aus dem letzten KI-Projekt der Unternehmensberatung SDM (Service Devoter Masochisten), deren Mitarbeiter nach dem finalen Audit durch die Qualitätssicherung der IG-Techno leider erschossen werden mußten, wertete die Informationen aus. Aufgrund der vorliegenden Daten kam es zur messerscharfen Schlußfolgerung, daß das Territorium angegriffen werden könnte. Oder auch nicht. Irgendwie war alles fuzzy. Vorsichtshalber wurde in allen Ballungszentren Luftalarm ausgelöst und ein 250 Megatonnen Sprengkopf „Radikal Reinkarnator“ nach Tibet geschickt.

Obwohl das Sirenengeheul ohrenbetäubend war, schaffte es Propper die Baggerklaue neben dem außen an der Tür hin und her schwingenden Stammheim zu plazieren. Dieser erkannte seine Chance und schwang sich in die Baggerklaue rein. Dort rutschte er fast auf einem blutigen Stück Kopfhaut mit Haarbüscheln aus und warf es grunzend raus. Der Lappen traf einen flüchtenden Radfahrer ins Gesicht, worauf dieser schreiend und mit beiden Händen an dem feuchten Ding zerrend in einen Abluftschacht rauschte. Er blieb mit gebrochenem Genick auf einem Sicherheitsgitter über einem riesigen Ventilator liegen und konnte sein Ableben durch den Verzehr der Kopfhaut mit einer eher herben Knoblauchnote noch um drei Tage hinaus zögern.

Stammheim gestikulierte winkend nach oben und Propper verstand. Die Hydraulik hob die Baggerklaue über den Sperrgutsammler und Stammheim zog seine zweite Walther PPK und nahm Paschulkes Opel Blitzkrieg unter Triumpf- und Sirenengeheul beidhändig unter Beschuß. Eine übergroße Morchel Statue aus schwarzem Marmor zum Gedenken an die feindliche Übernahme von MicroSlasher durch die IG-Techno schien ihm dabei ermunternd zu zu blinzeln.

Paschulke hatte Panik. Nicht nur, daß die Straßenbeleuchtung wegen des ohrenbeteubenden Luftalarmes auf psychedelische Muster geschaltet war, die feindliche Bomberpiloten in den Wahnsinn treiben sollte und die Sirenen die Atmosphäre in scharfe Streifen schnitten, er hatte sich durch den Sitz die ersten Kugeln von Stammheim eingefangen, und das tat richtig weh. Um den wütenden peitschenden Hornissen, die ihn und seinen Wagen durchbohrten, zu entkommen, bog er verzeifelt in einer scharfen Rechtskurve ein und gab mit quietschenden Reifen Vollgas.

Der Sperrgutsammler wuchtete sich auf durchdrehenden Ketten, die eine Breitseite Asphaltbrocken in ein angesagtes Cafe schleuderten und dort die Gäste perforierten, hinterher. Die Baggerklaue schmetterte in das Gebäude. Stammheim konnte sich nur noch durch geistesgegenwärtiges Ducken in die Klaue hinein retten. Als er den Kopf wieder hob, fräste sich die Klaue gerade durch ein Casting für „Das Territorium sucht den Überstar!“. Hoffnungslose junge Talente wurden krachend zwischen Stahl und Beton zermalmt. Dem fliehenden Rest jagte er ein paar Kugeln und die Worte „Luftalarm! Alles raus hier!“ hinterher, bevor die Klaue das zusammen brechende Gebäude durch die gegenüberliegenden Wand donnernd wieder verließ.

KKK
Inzwischen befand sich Paschulke unter der Trogbrücke des Königsberg-Konstantinopel-Kanals. Der KKK, wie der Kanal im Territorium liebevoll genannt wurde, war durch die Hart-4-All Reform zur endgültigen Lösung der Arbeitslosenfrage erst möglich geworden. Nach seiner Fertigstellung waren die Statistiken dauerhaft bereinigt und kein Bürger hatte je wieder einen Arbeitslosen gemeldet. In seinem Bemühen die Klaue wieder einzuziehen übersah Propper, dass der Sperrgutsammler aus der Kurve driftete. Stammheim sprang und rollte sich geübt ab, während der Sperrgutsammler durch eine gekachelte Mauer raste und seine rasende Fahrt in dem dahinter liegenden Pfeiler beendete. Dieser bremste das 42 Tonnen schwere Ungetüm genauso abrupt wie Proppers Existenz durch den Aufprall in ein quietschbuntes Graffiti aufging. Die Kanalbrücke erzitterte und feiner Nieselregen setzte unter ihr ein.

Nachdem er noch konsequent seine Walther PPK auf Paschulkes PKW leer geschossen hatte, machte Stammheim kehrt und rannte durch das inzwischen reichlich fließende Wasser um sein Leben. Dass die Trogbrücke langsam einstürzte, bekam Paschulke erst mit, als sich das Heck seines Opel Blitzkrieg plötzlich anhob und er auf der Flutwelle durch die absaufende Stadt schoss. Beim Anblick des schäumenden Wassers durch die Seitenfenster fiel ihm ein, dass er seinen Wagen immer noch nicht durch die Waschstrasse gefahren hatte.

Damage done
Im Fitness-Studio „Aryan Athletics“ hatte man den Luftalarm weitestgehend ignoriert, trainierte man doch verbissen für den Gesamt Territorialen Body Builder Wettbewerb „Das Alpha-Tier“. Der erste Preis bestand aus einem Einzelkämpfer-Einsatz zur Ressourcensicherung für das Territorium. Der Vorjahressieger galt seit einigen Monaten zusammen mit zwanzig Kilometern Benzin-Pipeline und drei nigerianischen Dörfern als verschollen.

Die heranrasende Flutwelle wurde von den schweiß- und anabolikagetränkten Sportlergehirnen auch nicht als Gefahr sondern vielmehr als Trailer für das jüngst angelaufene Kino-Großereignis „Titanic vs. Bismarck“ im Verleih der UAC (Ultra Artistic Corporation) aufgefaßt. Sie hätten besser auf die weisen Sprüche ihrer Ahnen („Ihr müßtet mal einen richtigen Krieg erleben, dann wisst ihr wie das ist!“) gehört. So wurden sie durch den durch das Panoramafenster prallenden Opel Blitzkrieg in ihre Geräte geschoben. Diejenigen, deren Köpfe zwischen den herabfallenden gußeisernen Gewichten ausgepreßt wurden wie Blutorangen, hatten noch großes Glück. Andere jedoch wurden von herum schnellenden Stahlseilen zersäbelt und wild hüpfende Sprungfedern preßten ihnen Stahlrohre in ihre diversen blutigen Körperöffnungen. Nach den späteren Bergungsarbeiten wurde eine Trennung der Körper aus den verchromten Stahlklumpen für völlig sinnlos erachtet und sie alle an die Wanderaustellung „Körperwelten“ verkauft.

Dem Sog des durch die zerstörte Trogbrücke ablaufenden Wassers konnten mehrere Schubverbände nicht widerstehen. Sie wurden mit jeweils 3000 Tonnen frisch raffinierten Smell V2-Power Panzerkraftstoff (versetzt mit geheimnisvollen Additiven) in Richtung Innenstadt gespült, wo sie krachend an schwankenden Hochhäusern zerbarsten. Die folgende Detonation verursachte ein Beben der Stärke 3,6 auf der Richterskala und schleuderte Leichen- und Gebäudeteile bis zu 50 Kilometer weit. Wer nicht verbrannte, ertrank durch die nachströmenden Wassermassen des KKK in den Luftschutzbunkern.

Volles Programm für alle!
Familie al-Sackratzi saß vor ihrem neuen Fernseher, den Papa Mussub anstelle seiner Zweitfrau mitgebracht hatte. Ein günstiger Tausch wie alle fanden. Es lief gerade KP1 (Kulthaftes Programm Nr. 1) live von der brennenden Ruhrstadt. Die knisternden Ruinen waren durch den Rauch nur schemenhaft erkennbar. Endlose Reihen von zerlumpten Flüchtlingen zogen gen Westen. Einige von ihnen schoben ihre verletzten und nur notdürftig zusammen geflickten Angehörigen mit SpeeDi (Speer Discount) Einkaufswagen in die trügerische Sicherheit des Territoriums. Smartballs betonierten Leichen am Straßenrand mit Schnellzement ein.

H.P., glorreicher Redner der BoFü und Minister für Medien und Wahrheit des Territoriums, positionierte sich mit blitzenden strahlend weißen Zähnen vor die Flüchtlingsmassen: „Wahrrrlich, ich sage euch, dieserrr feige terroristische Anschlag wirrrd nicht ungesühnt bleiben! Das Territorium wird nichts unverursacht lassen um Verantwortliche zu finden und zur Strecke zu bringen! Zu dieser Minute steigen territoriale Stratosphärenbomber auf, um die Reste Tibets zu säubern. Der Himalaya wird brennen...“

In diesem Augenblick hatten Paschulkes Fäkalien den Hochspannungs-Transformator im neuen Fernseher der Familie al-Sackratzi erreicht. Der fauchende Blitz des Kurzschlusses gab der Bildröhre den Rest und das Gerät explodierte in einem Schwall Scheiße. Schluß.


(SNORR)