KP1 Legacy BoFü

Der allergrößte Preis der Völkischen Musik

Der Mass-Trans rast sirrend und zischend auf dem Stahlschienenstrang durch die blitzumtoste Nacht, einen Wall heißer wütender aufgestauter Luft vor sich her schiebend. Im schallisolierten Prunkwagen mit Panzerkristallglasscheiben und Reichsraptor sitzt die BoFü (Radikales Gewaltregime des Territoriums), und bespricht die letzten Einzelheiten des großartig geplanten medialen Abends. H.P., begnadeter Rhetoriker der BoFü, richtet sein noch etwas steifes Bein auf dem gegenüber liegenden schwarz samtigen Sitz. Der Vorfall mit dem vor dem IG-Techno Verwaltungsturm sitzenden Bettler ("Aaargh! Wahrrrlich, niemals ist das ein Holzbein!! Ich werrrde es beweisen...") hat splitternde Spuren durch das weiche Leder seiner handgearbeiteten Schuhe hindurch in seinem großen Zeh hinterlassen. Während Morchel ihn noch anstarrt, und offensichtlich überlegt, H.P. für die fahrlässige Beschmutzung des kulthaften Abteils standrechtlich auf die Gleise schmieden zu lassen, ergreift H.P. bestimmend das Wort: "Haben wir auch genügend freie Leitungen für die große TOD-Auswertung am Schluß?"

"Ab 21.00 mittlerer territorialer Zeit werden die Notrufe 110 und 112 auf eine gebührenpflichtige Nummer in Gurugay umgeschaltet. Die Reaktionszeit der Rettungsdienste verlängert sich dadurch nur um unwesentliche 36 Stunden. Dafür teilt el Presidente Don Alfonso Schröder den Gewinn mit der BoFü, und wir haben Reserven im Festnetz."

"Wie steht es mit der Energieversorgung?"

"Die Krankenhäuser wurden informiert, daß Operationen ab 20.00 nur noch bedingt zu empfehlen sind. Alle Notstromaggregate im Territorium gehen ab 20.15 in Betrieb und speisen dann unser Hochspannungsnetz. Seit 6.00 mittlerer territorialer Zeit ist unser experimentelles Kernkraftwerk 'Quark Expreß II' an der Donaumündung am Netz. Wir erhalten zwar seitdem konstant 5 Terawatt Leistung pro Stunde, aber dort geht keiner mehr ans Telefon. Auf den Satellitenbildern ist auch nur eine riesige Wolke von Odessa bis Bukarest, und die östliche Küstenlinie vom Schwarzen Meer hat sich verändert."

"Die sehen wahrscheinlich alle schon so aus wie die Teletubbies."

Fabos Mobiltelefon gewinnt die Aufmerksamkeit der BoFü durch die ersten subtilen Takte von Laibachs 'Geburt einer Nation'. Durch jahrelangen Umgang mit diesem Apparat erkennt Fabo nach Sekunden, daß es sich nicht um einen Raketenangriff handelt, und kriecht als erster wieder unter dem Sitz hervor. Ein elektronisches Telegramm ist auf dem Apparat angekommen, Fabo wählt "Drucken" auf der 12 Tasten Niemals-Alpha-Aber-Numerischen Tastatur. Sofort klopft es zackig an der Abteiltür. Fabo brüllt "Herein!" und die Tür gleitet lautlos beiseite. Stramm rechts grüßend steht ein B-HUHN (BoFü-HauptUeberHauptNichts) in schwarzer 'Oben Ohne'-Uniform mit knallenger Lederhose und Nietenkäppi, die Augen stur geradeaus gerichtet, im Stahlrahmen. Den Ausdruck des elektronischen Telegramms auf Pergamentpapier mit dem heroischen Wasserzeichen der BoFü reicht er mit einer knappen Bewegung der linken Hand. Fabo liest sich das Dokument kurz durch, und bemerkt dabei knapp: "Das 'B' darr hat Fransen an der oberen Ecke."

"Der B-HUHN erbleicht augenblicklich, und beginnt zu stottern: "Ich, äh, ich..."

"DAS IST UNVERZEIHLICH! WO SOLLEN WIRRR DENN DARRR HINKOMMEN?!"

Fabo gibt die Codierung für die Neu-Installation Drucker im Mobiltelefon ein, und der zitternde und schluchzende B-HUHN wird von zwei plötzlich aufgetauchten Männern des Spezial Dienstes in einen Müllsack gesteckt und durch eine Klappe im Waggonboden entsorgt. Schulterzuckend knüddelt Fabo das Pergament zu einem kleinen Bläschen, und wirft es achtlos in den Papierkorb.

"Was war denn das?"
"Och, eine automatische Erinnerung aus dem Terminkalender, die Sendung beginnt gleich."
"Dann sollten wir uns beeilen..."

B-HUHN Wostrowski sitzt in der Pilotenkanzel des Mass-Trans, der jetzt mit 400 km/h über die Schienen durch eine Vorstadt jagt, und konzentriert sich auf die Toter-Lokomotivführer-Schaltung: Vier fette kreisförmig angeordnete Knöpfe auf dem Steuerpult in den leuchtenden Farben Rot, Grün, Gelb und Blau, die eine nette kleine Weise spielen, und dabei abwechselnd aufleuchten. Um nachzuweisen, daß hunderte Tonnen schwarzen Stahls nicht führerlos schneller als ein Tornado durch die Zivilisation rasen, muß er die wechselnden Melodien regelmäßig fehlerfrei auf den Knöpfen nachspielen. Sobald er dabei versagt, greifen die umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen der BoFü: Die Pilotenkanzel wird abgesprengt und in eine erdnahe Umlaufbahn geschossen, um eventuellen ansteckenden Krankheiten, an denen der Lokomotivführer verstorben sein könnte, vorzubeugen. Die Insassen des Prunkwagens (BoFü) werden an Stahlschlitten auf die inneren Gleise abgesenkt, die selbst sachte abbremsend vom Zug überrollt werden, hinter dem letzten Waggon wieder rauskommen und langsam auslaufen. Der Mass-Trans vernichtet sich dann Sekunden später selbst durch eine kontrollierte Kernschmelze, um so nicht in feindliche Hände zu fallen.

Natürlich wird es niemals soweit kommen, denn B-HUHN Wostrowski wurde durch eine Umschulungsmaßnahme innerhalb von fünf Tagen zum Lokomotivführer ausgebildet, nachdem durch eine kleine Unachtsamkeit seinerseits ein beliebtes Naherholungsgebiet versehentlich als Truppenübungsplatz für die Säbelzahn-Waffe ausgewiesen wurde. So kann nichts seine Konzentration stören, als die vier Knöpfe fröhlich blinkend "Ach du lieber Augustin..." abspielen, weder die an der Windschutzscheibe zerschmetternden Wassertropfen, noch der Tunneleffekt vorbei sausendender Hochhäuser und wild blinkender Signalanlagen. Jetzt spielt er es nach. Seine Zunge fährt über die Oberlippe, als der heldische Dreiklang ertönt, und Fabos Stimme "Schneller!" schnauzt. B-HUHN Wostrowski verharrt unsicher zitternd, der Boden vibriert durch die überlasteten Gleise, er starrt auf die vier Knöpfe und haut geistesgegenwärtig den Fahrtenhebel bis zum Anschlag "Volle Kraft" durch. Dann drückt er den roten Knopf, und der richtige Ton ertönt: "... al - les ..."

Das Signal "Volle Kraft" erreicht bimmelnd den Maschinenraum, Techniker De Kamp hechtet zum Kernreaktor und zieht an den Bremsstäben. Diese rühren sich nicht. Er zieht stärker und brüllt dabei unabläßlich "Scheiße!", aber die Bremsstäbe kommen nicht heraus. Wütend schlägt er mit einem großen Hammer wie ein Berserker auf die Bremsstäbe ein, mit einem "Klöng" fallen sie schließlich alle auf einmal zerbröselnd unten raus: "Ooops..."

Wenn B-HUHN Wostrowski Zeit hätte auf den Kontrollmonitor zu schauen, würde er den verzweifelt mit den kläglichen Überresten der Bremsstäbe herumfuchtelnden Techniker De Kamp sehen. Vor Wut brüllend versucht er sie in den Reaktor zurück zu stopfen, aber der hat sich bereits durch die Hitze verzogen, so daß nichts mehr ineinander paßt. Instinktiv rafft er diverse Kleinteile im Maschinenraum zusammen, und stopft sie in den Reaktor. Geschwindigkeit und Temperatur steigen trotzdem rasant an, der Mass-Trans beginnt sich aufzuschaukeln und dröhnt beklemmend. P-HUHN Wostrowski belauert weiter voll konzentriert bei annähernder Schallgeschwindigkeit die Toter-Lokomotivführer-Schaltung. Diese dudelt leuchtend: "Ach du lieber Augustin, alles ist hin!"

Vor der gigantischen Kuppel von Studio Drei des KP1 (Kulthaftes Programm Nr. 1), die sich majestätisch von den auftürmenden unablässig knallenden und zuckenden Gewitterwolken abhebt, sammeln sich die Anhänger des Deutschen Schlagers. Auch die Bürger, denen angeblich die Gelegenheit fehlte, die von der BoFü zugeschickten Karten mit harten Kredits zu vergelten, werden in offenen Lastwagen bei strömenden Regen heran gekarrt. Harte Männer des Spezial Dienstes mit gut isolierten schwarzen Stiefeln mit gehärteter Kappe vorne dran treiben sie in Scharen zu den kleinen bunten Kassenhäusschen. Die Schlagerfans haben leider ihre Stiefel vergessen, so daß sie von den allgegenwärtigen Kriechströmen der in die Kuppel einschlagenden Blitzen, welche von einem elegant ausgeklügelten Ableitsystem direkt in den Boden geleitet werden, in ekstatisches Zucken versetzt werden. Das ist wahre Vorfreude...

Die "Abdecker Piksbuben" entdecken den herankreischenden funkensprühenden Mass-Trans als erste, können aber niemanden aufmerksam machen, da ihre Herzschrittmacher zutiefst verwirrende Signale in die Nervenbahnen absetzen. Die allgegenwärtige Elektrostatik der herab prasselnden Blitze stört massiv die Verbindung zwischen den Herzschrittmachern und dem zentralen Taktsignalgeber in Dresden. So kriegen sie und hunderte andere Herzpatienten mit den Schrittmachern der allerneuesten Generation, die in zwei Millionen Jahren höchstens eine Sekunde falsch gehen werden, nicht mit, wie der Reaktorwaggon des Mass-Trans in einer zischenden Dampfwolke aus ehemaliger Kühlflüssigkeit explodiert. Der tropfende Reaktorblock fliegt zusammen mit Techniker De Kamp, der verzweifelt alle zehn Finger in den Bremsstablöchern feststecken hat, fröhlich pfeifend in die Gewitterwolken. Klirrend hüpft der Mass-Trans über dem Vorplatz aus den Brückengleisen, und dezimiert wie eine gigantische Sense kreiselnd die anstehenden Massen von Schlagerfans. Glühende Metallschlacke frißt sich durch den Marmorboden in die Kanalisation, der Mass-Trans schlägt durch die Vorderfront der Studiokuppel, Glas und Stahl splittern funkelnd, es regnen überall Teile ab.

Die Halle ist voll beflaggt mit den allgegenwärtigen BoFü-Emblemen, Fahnen knattern im schroffen Luftzug der überdrehten Klimaanlage, die neben Luft auch noch allerlei Kleingetier ansaugt. Die Katzenpopulation der Stahlstadt verringert sich dramatisch. Die meisten Schlagerfans haben es nach wohlmeinenden Fußtritten doch noch bis hierher geschafft, und drängen sich in alptraumhaften Rängen bis an die schemenhafte freitragende Decke. Aus den Impulslautsprechern hämmert der "3. Territoriale Marsch in E-Voll" von Robert A. Reinsein. Halogenleuchten beheizen die gigantische Szene. Der Moderator steht im modisch schwarzen Anzug inmitten auf der Bühne im FLAK-Scheinwerferlicht, Schweißperlen glitzern in seinem makellosen Gesicht, und hebt beide Arme grüßend zu seinem Publikum: "Meine Damen und Herren! KP1 heißt Sie zu einem Abend willkommen, den sicher keiner von Ihnen je wieder vergessen wird! Begrüßen Sie nun mit mir zusammen die BoFü!!!"

Wie auf Kommando schlägt der Mass-Trans durch die Frontbögen, prallt krachend auf der Bühne auf, und bleibt zischelnd liegen. Die Halle vibriert dumpf ein bißchen. Der Moderator öffnet kühn lächelnd die Tür des Prunkwaggons, heraus in den nun aufbrandenden Jubel tritt die BoFü, und grüßt die Massen. Es ist Morchels und Fabos Lächeln kein bißchen anzusehen, daß dieses großartige Kulturereignis womöglich durch die BoFü dazu mißbraucht werden könnte, unliebsame Bevölkerungsschichten loszuwerden. H.P. grüßt noch mal, während der 3. Territoriale Marsch seinem orgasmusverkrampften Höhepunkt zuwummert, dröhnender Applaus des Publikums.

Dann guckt H.P. durch die Windschutzscheibe des Mass-Trans in die Pilotenkanzel. B-HUHN Wostrowski spielt immer noch mit der Toter-Lokomotivführer-Schaltung rum. H.P. guckt mißbilligend. B-HUHN Wostrowski grinst entschuldigend zurück, und versucht gleichzeitig die vorgegebene Melodie richtig nachzuspielen. H.P.s Gesicht erstarrt zu einer strafenden Maske, langsam dreht er verneinend den Kopf hin und her. B-HUHN Wostrowski steht zackig auf, und klatscht einen nervösen Applaus. Dadurch verpaßt er das Time-Out der Toter-Lokomotivführer-Schaltung, ohne Vorwarnung wird die Pilotenkanzel abgefeuert. Sie nimmt auf ihrem Weg nach draußen den Echt-Fanclub Bad Oynhausen mit, und verteilt ihn innerhalb weniger Sekunden über der Sahelzone, die dortige Hungersnot etwas lindernd helfend. H.P. nimmt schulterzuckend weiter sein Bad in der Menge.

Übrigens ist der Applaus gut durchorganisiert. Hart durchtrainierte schnelle Nummern Girls tragen Sets von Schildern mit Anweisungen für das Publikum durch die Ränge:

"Applaus!"

"Aufstehen!"

"Mehr Applaus!"

"Wir haben Ihre Kinder..."
(Darunter ein Beweisfoto mit den Bälgern, eine Ausgabe der eher gemäßigten Tageszeitung "Wahrheit Heute" für nächste Woche in den schmutzigen Händchen haltend: "Liberaler Böllemann von Betonklosett erschlagen!")

Auf Böllemann hat das Beweisfoto eine etwas andere Wirkung als auf den Rest. Unauffällig applaudierend schiebt er sich zum Notausgang zu, stellt aber entsetzt schwitzend fest, daß dieser zugeschweißt wurde. Er sieht zum gezackten Loch, das B-HUHN Wostrwoskis Pilotenkanzel in der Kuppel hinterlassen hat, und faßt einen verzweifelten Plan...

Morchel eröffnet derweil die Veranstaltung mit wohl gewählten Worten: "Der 45. Grand Prix de Eurowisin de la chron... äh... de la Chan Chan... nein... hmmm... dela hubbabubba? Ach, eigentlich egal: Der 45. allergrößte Preis der Völkischen Musik ist eröffnet!"

Unbeschreiblicher Jubel brandet ihm entgegen, während das Institut für Wahrhaftige Geschichte eiligst überall seine Mitarbeiter aussendet. In der großen Kuppelhalle selbst wird das gülden leuchtende "45. Grand Prix d`Eurovision de la Chanson" nebst herabhängenden Fahnen mit derselben Aufschrift eiligst von Bereitschaftshandwerkern gegen "45. Allergrößter Preis der Völkischen Musik" ausgewechselt. Spezial Taschendiebe tauschen unauffällig bei allen wichtigen Gästen die bedruckten Eintrittskarten, weniger wichtigere Gäste werden nicht ganz so subtil behandelt. Die korrigierten Eintrittskarten werden in derselben Notfalldruckerei hergestellt, wie die kompletten Auflagen Zeitungen und Magazine von letzter Woche, so daß alle die Hause zurück kommen die aktuellen an der Situation angepaßten Exemplare vorfinden werden. Server unter Windows NS Dominator gehen vollautomatisch mit den bei der BoFü hinterlegten Schnüffel-Schlüsseln in das Netz, und erledigen den Rest.

Inmitten der Umbauarbeiten, die verstrahlten Überreste des Mass-Trans werden auf einem Container-Frachter nach Afrika entsorgt, schreit der Moderator in die sich langsam beruhigenden Massen: "Und nun zu unserer ersten Darbietung! Sie alle erinnern sich an die archäologische Sensation des letzen Jahres. Nach einer Probebohrung für das Endlager der völlig fehlgeschlagenen Übermenschenproduktionreihe "Weißer Riese" in einem Wohngebiet in der Nähe von Düsterburg fand das Bohrteam einen riesigen Klumpen blutverschmierter Fusseln und Haare in der Bohrprobe. Vorsichtige Grabungen mit einem eiligst herbeigebrachten Tagebaubagger von "Rein & Braun" brachten schließlich die Überlebenden der heute bekannten Keller-Familie zum Vorschein. Sie hatten sich nach dem letzten Überfall auf Osteuropa seit 35 Jahren in ihrem Behelfsbunker verkrochen. Doch nun haben sie sich mit ihren irischen Volksweisen mitten durch unsere Herzen hindurch gesungen!"

Unter unbeschreiblichem Jubel ihrer vollständig anwesenden Fans schwebt die Plattform mit der Keller-Familie, von sirrenden Stahlseilen gehalten, majestätisch herab. Unter dem ermunternden Einfluß einiger Hard Drinks der "All Inclusive" Bar der BoFü winken ein paar langhaarige Gestalten in bunten poppigen Mänteln zurück, und wollen gerade anfangen ein Liedchen zu trällern, als die heroische Fanfare einer Sondermeldung der Wochenschau durch die Lautsprecher dröhnt: "Sensation! Der Big Brother Turm zu Babel Rekord wird in wenigen Sekunden gebrochen sein! Wir schalten um in das Freistudio Hürth!"

Während die Keller-Familie noch blöd aus der fusseligen Wäsche, deren wirre Musterung übrigens mit jeder Mahlzeit wechselt, schaut, wird sie von einem Laserhologramm, das die Ereignisse im Freistudio Hürth zeigt, völlig überdeckt.

Die Ereignisse im Freistudio Hürth sind kurz davor sich zu überstürzen. Bereits 19 Big Brother Container wurden vom berühmten Stuntman Frantic Ferdinand schwarz behelmt in einem Baukran sitzend zu einem hohen Turm gestapelt. Im Inneren der Container spielen sich vor den überall anwesenden Kameras Szenen ab, die das Territorium erschüttern:

"Stätte der Gladiatorenkämpfe im alten Rom?"

"Äh... Arena?"

Im Big Brother Container 20 hat sich Zlotko gerade die Brusthaare mit einer Wachsschicht abgerissen, und die gestreßte Haut mit dem Rasierwasser "Eau de Oooh" nachbehandelt. Er schreit noch in dieser merkwürdigen grunzenden Sprache, als der Container von Frantic Ferdinand mit dem Kran schwankend angehoben wird.

Es ist übrigens derselbe fast ausgestorbene Dialekt in dem eine ostische Terroristengruppe regelmäßig ihre Forderungen an das Territoriale Regime über Piratensender verbreitet, bevor sie ihren einzigen Geiseln den Kopf absägen oder sie bei lebendigem Leib in gelöschtem Kalk auflösen. Da die BoFü diese Sendungen nicht übersetzen kann, kommen beide Seiten in diesem Dialog irgendwie nicht so recht weiter.

Frantic Ferdinand zieht den Hebel mit seiner Hand im schwarzem Lederhandschuh den Hebel energisch zu sich, Zlotko purzelt zum Panzerglasfenster und sieht neben seiner gebrochenen windschiefen Nase den 19 Container Turm herumwirbeln, unten die fähnchenschwingende jubelnde Menge im Scheinwerferlicht. Während die beiden Dieselmotoren Big Brother Container 20 nach oben wuchten, spüren die Mitspieler in den restlichen 19 nichts davon:

"Hauptstadt der USA?"

"Äh... City?"

Einer der Dieselmotoren im Kran verreckt ächzend, der andere dreht weiter an der Seilwinde, so daß Big Brother Container 20 in Schräglage gerät. Auf die schiefe Bahn geraten stürzt Zlotko durch die Badezimmertür und erschlägt mit seinem muskulösen Körper eine Mitspielerin. Natürlich versucht Frantic Ferdinand dieses Malheur auszugleichen, vergreift sich aber am falschen Hebel. Der Kran schwenkt den Container 20 herum und schmettert ihn in den Big Brother Turm zu Babel. Zlotko klatscht gegen eine Blechwand. Ein irres Kreischen aufs äußerste gequälten Blechs ist zu hören, der Turm schwankt wie ein überzüchteter Weizenhalm im lauen Sommerwind. Das Material des untersten Big Brother Containers beginnt sich aufzurollen, alles neigt sich zur Seite, um dann majestätisch klirrend in sich zusammen zu stürzen. Übrig bleibt ein bizarrer Haufen Schrott, aus dem allerlei Flüssigkeiten heraus tröpfeln. Frustriert heulend läßt Frantic Ferdinand den Big Brother Container 20 in diesen Hügel des Versagens runter donnern, was Zlotkos Brustkorb den Rest gibt.

"Wieder nicht geschafft, was für eine Tragödie. Wir schalten zurück in das Studio 3 zu dem allergrößten Preis der Völkischen Musik!"

Langsam wird das Laserhologramm ausgeblendet, man sieht noch die ratternden schweren Transporthubschrauber, die tonnenweise flüssigen Beton auf den neuen Schrotthaufen abwerfen, um so beim Aushärten einen weiteren Hügel zu bilden, ähnlich wie die anderen, die diese Landschaft bis zum Horizont dominieren. Ein Datamining Tool, realisiert in "Hidden and Dangerous Basic", sucht im EDV-Verbund der Einwohnermelde-, Arbeits- und Sozialämter nach weiteren überflüssigen Idioten.

Als das Laserhologramm endgültig erlischt, existiert auf der schwebenden Plattform nunmehr ein Grillteller, dessen angebrannt riechende noch qualmende Bestandteile für allgemeinen Unmut bei den anwesenden Kellerfamilie Fans hervor rufen. Morchel rettet die peinliche Situation, die von den wieder verwerteten Lasern aus militärischen Beständen hervorgerufen wurde: "Keine Panic, jeder darf etwas in einem kleinem Plastiktütchen mit nach Hause nehmen!"

Ob dieser großzügigen Geste der BoFü entspannt sich die Situation. Vielleicht haben auch die verstärkt aufgetretenen schwarz uniformierten Saalordner etwas mit der neuen Disziplin des Publikums zu tun.

Die nächste Schwadron trägt den etwas längeren Namen 'Scheiße an der Schwanzspitze'. Erstmals sind sie im strahlenden Rampenlicht der Öffentlichkeit kurz nach dem echt überraschenden Verschwinden einer der beliebtesten Boygroups des Territoriums erschienen. Obwohl wir alle immer noch echt betroffen sind von diesem echt unersetzlichen Verlust, wünschen wir den drei Jungs Han, Reichhart und Torte von 'Scheiße an der Schwanzspitze' echt viel Erfolg!"

Morchel räkelt sich in seinem bequemen schwarzen Ledersessel, während auf der Bühne die Dekoration, zu der auch fünf Figuren auf Ständern mit den niedlichen Kosenamen Kim, Kai, Flo, Puffi und Gunnar gehören, aufgebaut wird. Er denkt noch an die überraschten Babyfaces der fünf "Musiker" im Tonstudio beim letzten Einsatz von Han, Reichhart und Torte im Auftrag des Territorialen Ministeriums für Umweltschutz, und zieht genüßlich an seiner Zigarre. Sie hatten die Tür mit den Dienstmotorsägen zerlegt, und sind inmitten der Aufnahme des potentiell neuen Hits "Bitte hab mich lieb" mit lautem Gebrüll "Doom!" hereingestürmt. Später wurden die fünf echt notdürftig wieder zusammen geflickt, konnten jedoch echt nicht mehr ans Laufen gebracht werden. Echt blöd...

Es wird ganz still, im Licht der Scheinwerfer wird ein weiteres ruhmreiches Stück Kulturgeschichte zwischen den fünf aufgestellten Figuren gesungen:

Du trägst keine Gedärme in Dir

Du stehst porös auf deiner Palette.
Du hast das Bröckeln wieder angefangen.
Ich frag mich nach deinem Befinden.
Wie es scheint ist es dir mies ergangen.

Du schweigst und die Augen fallen nieder.
Mit deiner neuen Nase ist es schon vorbei.
Es scheint das passiert dir immer wieder.
Kannst nie lange beieinander sein.

Du bist immer noch verdammt hübsch anzuschaun'.
Doch ich werde nicht allzu lange darauf baun'.

Denn du trägst keine Gedärme in dir,
nie mehr anal für irgendwen.
Denn du trägst keine Gedärme in dir,
dir nachzutrauern hat keinen Sinn mehr.
Denn du trägst keine Gedärme in dir,
dich zu präparieren war nicht sehr schwer.
Denn du trägst keine Gedärme in dir.

Deine Augen rollen' verzweifelt.
Deine Haut hat schon angesetzt.
Bild' ich's mir ein, oder hab' ich dich etwa nach
So kurzer Zeit verletzt?

Ich habe dich noch nie so gesehen.
Ich frag mich, wird es wieder geschehen?
Doch es gibt kein zurück mehr
Und ich brauch dich nicht mehr.

Du bist immer noch verdammt hübsch anzuschaun'.
Doch ich werde nicht allzu lange darauf baun'.

Denn du trägst keine Gedärme in dir,
nie mehr anal für irgendwen.
Denn du trägst keine Gedärme in dir,
dir nachzutrauern hat keinen Sinn mehr.
Denn du trägst keine Gedärme in dir,
dich zu präparieren war nicht sehr schwer.
Denn du trägst keine Gedärme in dir.

Unter dem Kreischen der weiblichen Groupies wirft Han die ausgefallenen Augen nacheinander ins Publikum. Das hat unmittelbar eine Massenschlägerei unter den anwesenden Girlies zur Folge, die etwa 23 Tote fordert. Als wieder Ruhe einkehrt, und die Medizinstudenten mit ihrer Beute verschwunden sind, tritt der Moderator mit einem Lächeln mitten im Gesicht wieder nach vorne: "Ja unser Han, immer ein Auge für ein hübsches Mädchen! Bevor wir unseren nächsten Interpreten begrüßen, muß ich Ihnen eine traurige Mitteilung machen: Nach massiven Störungen unseres Herzschrittmacher Taktsendezentrums in Dresden durch ein Unwetter sind die Abdecker Piksbuben und 2000 weitere Träger eines modernen zentral gesteuerten Herzschrittmachers leider geplatzt. Nach bisherigen Erkenntnissen des Operating der IG-Techno sind wohl die Notfrequenzgeber der Schrittmacher bei der Produktion mit Oszillatoren für Mikroprozessoren vertauscht worden. Das tut uns leid. Doch nun zu Heribert Gröhlemeier!"

Heribert Gröhlemeier läuft ein, als er neben Torte ist, fällt er plötzlich hin und ruiniert sein Gebiß auf dem harten Stahlboden. Auch als Han und Reichart ihm helfend unter die Arme greifen, rutscht er wohl noch mehrmals aus. Dabei greifen sie durch Gröhlemeiers Ungeschick etwas daneben und streifen noch Nase und Magen. Schulterzuckend lassen sie ihn dann liegen, und verlassen endgültig die Arena.

Gröhlemeier rappelt sich auf und stimmt mit einer noch viel echteren Leidensmine als bei seinen früheren Auftritten seine Ballade "Ich weiß nicht weiter!" an. Der eindringliche Text kann mit Rücksicht auf hormonüberfrachtete Teenagergehirne, die noch nicht einmal ein durchgeknallter koksender Chinese im LSD-Trip anlöffeln würde, hier aus Jugenschutzgründen nicht wieder gegeben werden.

Nachdem auch der letzte leise Ton ausgeklungen wurde, wird es ganz still in der Kuppelhalle. Morchel blickt durch seine vollverspiegelte Sonnenbrille verständnisvoll auf Gröhlemeier herunter: "Selbstmord wäre eine Lösung..."

Verwirrt schaut Gröhlemeier zur BoFü. Morchel fragt ihn mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme: "Oder verarschen Sie etwa Ihr Publikum?"

Der Anblick der angesprochenen Menge verheißt keine Freundlichkeiten. Morchel befragt Gröhlemeier weiter: "Sind das etwa gar keine echten Gefühle gewesen?"

Mit diesen Worten wirft er Gröhlemeier eine Walther PPK vor die Füße. H.P. nickt ihm aufmunternd zu. Zögernd nimmt dieser die Schußwaffe auf, dreht sich verzweifelt zum Publikum. Ihn durchzuckt die Erkenntnis, daß schlimmere Alternativen existieren, und beendet mit einem trockenen Knall sein Leiden.

Die Schweinerei wird noch weg gewischt, als der Moderator zum Höhepunkt des Abends kommt: "Nachdem Gröhlemeier endlich die Konsequenzen gezogen hat, präsentiere ich Ihnen die Favoriten des heutigen Abends: Die BoFü mit dem Song 'BoxFührer'!"

Die BoFü schreitet gemächlich auf die Bühne, die ersten Bässe schlagen durch die Lautsprecher. Instrumente gesellen sich dazu, es beginnt:

One Two

One Two Three Four

Die BoFü hat Aufstellung bezogen.

Raise your Arm

Die BoFü grüßt.

March up

Die BoFü marschiert im Kreis.

Air Raid

Die BoFü springt in Deckung.

Spray

Die BoFü sprüht, auf den unteren Rängen kippt das Publikum um.

BoxFührer!

Die BoFü legt sich in Pose.

OK, now you are really good.

Only thousand years left to world domination.

Die BoFü fällt sich jubelnd in die Arme.

Blitzkrieg

Die BoFü fährt im Säbelzahn.

Kill another million

Die BoFü hält auf die Schlagerfans drauf.

Propaganda

Die BoFü ist völlig unschuldig.

Secret Weapon

Der Feind verdampft im nuklearen Inferno.

BoxFührer!

Die BoFü legt sich wieder in Pose. Jubel brandet bei den Überlebenden auf. Es ist glasklar, daß die BoFü mit diesem hochkulturellen Meisterwerk den Allergrößten Preis der Völkischen Musik gewonnen hat. Wieder einmal...

Nach der erfolgreichen Flucht durch das Loch in der Kuppelhalle hat Böllemann Pech: Bei den Reparaturarbeiten an dieser Beschädigung des Gebäudes löst sich ein Betonklosett von einer Schmuckfigur, und zermatscht ihn.